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Review of  Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen.


Reviewer: Guido Josef Oebel
Book Title: Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen.
Book Author: Christiane Wanzeck
Publisher: Rodopi
Linguistic Field(s): Historical Linguistics
Semantics
Subject Language(s): Dutch
English
French
German
Spanish
Language Family(ies): Germanic
Book Announcement: 14.1854

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Review:


Date: Tue, 24 Jun 2003 16:35:50 +0900
From: oebel <oebel@cc.saga-u.ac.jp>
Subject: Zur Etymologie lexikalisierter Farbwortverbindungen

Two reviews of this book are provided by the same reviewer:
one in English and one in German.
The following review is the German version.

Wanzeck, Christiane (2003) Zur Etymologie
lexikalisierter Farbwortverbindungen. Untersuchungen anhand
der Farben Rot, Gelb, Gruen und Blau. Editions Rodopi
(Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur 149),
paperback ISBN 90-420-1317-6, xvi+428, Euro 90.00.

Angekuendigt unter:
<http://www.linguistlist.org/issues/14/14-478.html#1>
http://www.linguistlist.org/issues/14/14-478.html#1

Rezensiert von: Guido Oebel, Staatl. Universitaet Saga und
Privatuniversitaet Kurume/Fukuoka (beide Japan)

Vorbemerkung:
Eines vorweg: dieses Buch ist das formal, inhaltlich und
sprachlich mit Abstand beste deutschsprachige
Linguistikfachbuch, das ich in meinem wenn auch erst kurzen
Rezensentenleben habe besprechen duerfen! Die Autorin
Christiane Wanzeck praesentiert mit der gruendlich
ueberarbeiteten und erweiterten Version ihrer Dissertation aus
dem Jahre 1996 (Ludwig-Maximilians-Universitaet Muenchen)
ein Stueck sprachetymologischer Pionierarbeit, die m.E. den
Massstab fuer kuenftige aehnliche Werke setzt. Wanzecks
groesstes Verdienst dabei ist ihre an akribischer Sorgfalt kaum zu
uebertreffende Recherchearbeit bei der Sichtung und Auswertung
von Primaer- und Sekundaerquellen als Belegmaterial fuer Ihre
Untersuchung.

Aufbau und Inhalt des Buches:
Wanzecks Buch bietet lt. Aussage der Autorin erstmals eine
zusammenhängende Dokumentation von vor allem deutschen
Phraseologismen mit den Farblexemen 'Rot' (S. 49-74), 'Gelb' (S.
75-92), 'Gruen' (S. 93-130), 'Blau' (S. 130-342) und deren
Etymologisierung. Daneben behandelt sie Lehnuebersetzungen
wie 'blaues Blut' (S. 290-313) aus dem Spanischen 'sangre azul'
(Adel) oder 'Blaustrumpf' (S. 322-340) aus dem Englischen 'blue
stocking' (intellektuelle Frau). Gerade das Farbadjektiv blau gibt
zunaechst besonders viele Raetsel auf, da dessen Bedeutung je
nach Kollokation variiert zwischen 'adelig', 'frei' ^Ö in 'blauer
Montag' (S. 156-207) -, oder gar 'luegnerisch' wie in 'blaue Ente'
(S. 248-267). Ueberhaupt bilden phraseologische
Zusammensetzungen mit dem Farbadjektiv 'blau' den mit
Abstand umfangsreichsten Teil von Wanzecks Arbeit, da 'Blau'
einerseits die sprachlich vielschichtigste aller Farben ist und
andererseits ueber die groesste Bedeutungsvielfalt verfuegt.
Weitere Gegenstaende in Wanzecks Untersuchung sind heute
seltener verwendete bis nahezu verschwundene
Farbphraseologismen wie 'gruener Brief' (Brief aergerlichen
Inhalts) (S. 112), satzfoermige Farbwortverbindungen wie 'Gruen
ist die Hoffnung' (S. 112) oder paroemiologische
Farbphraseologismen in anderen Sprachen als dem Deutschen,
etwa das niederlaendische 'iemand eene blauwe huik omhangen'
(jmdn. betruegen) (S. 235-240).
Wanzeck unterteilt die Farbphraseologismen unter
syntaktisch-morphologischen Aspekten in zunaechst zwei
Grundkategorien: 1. als Nominalphrase, bei der das Farblexem
die Funktion eines spezifizierenden Adjektivs uebernimmt, wie
z.B. in 'blauer Montag' in der Bedeutung von 'arbeitsfreier
Montag'; 2. als Verbalphrase, in der das Farblexem als
Objektpraedikativ (Bsp.: 'rot sehen' fuer 'in Rage geraten') (S. 56)
oder als Praedikativ (Bsp.: 'blau sein' fuer 'betrunken sein') (S.
145) fungiert. Bei der Gruppe der Praepositionalphrasen gibt es
lt. Wanzeck mitunter Ueberschneidungen mit den Verbalphrasen
(Bsp.: 'vom gruenen Tisch aus') (S. 122).
Die zentrale Frage in Wanzecks Untersuchung ist, wie ein
Farblexem seine jeweils unterschiedliche
Wortbedeutungsfiguration annimmt und ob sich daraus eine
bestimmte Regularitaet ableiten laesst. Dazu entschluesselt
Wanzeck in ueberzeugender Weise die Motivation von
Farblexemen in bestimmten Kollokationen, indem sie das
zugrunde liegende Benennungsmotiv auf seine Funktion als
Formmerkmal untersucht, d.h. ob es sich um die Farbe in ihrer
Hauptbedeutung handelt. Im weiteren Verlauf ihrer Analyse geht
sie der Frage nach, ob das entsprechende Bezugsnomen oder
moeglicherweise ein anderes Nomen Traeger dieses
Formmerkmals ist und welche Rolle dabei der Farbensymbolik
zufaellt. Dabei stoesst Wanzeck auf Zweifelsfaelle bei Phrasen, in
denen das Farblexem als solches zwar kein Problem generiert,
sehr wohl jedoch die Gesamtphrase hinsichtlich ihrer
Bedeutungsentwicklung, wie beispielsweise in 'auf keinen
gruenen Zweig kommen' (S. 117-122) oder 'jmdm. blauen Dunst
vormachen' (S. 274-286).
In ihrer Untersuchung findet ebenfalls die Onomastik
Beruecksichtigung mit der etymologischen Analyse von
Ortsnamen (Bsp.: 'Gruenes Gewoelbe' in Dresden) (vgl. Nopitsch
1801), von im Niederdeutschen verwendeten Strassennamen
('Rotes Meer') (Mielke 1930: 182-188) oder Personennamen (Bsp.:
'Blaubart' von frz. 'Barbe-Bleue' oder 'Rotkaeppchen'). In diesem
Zusammenhang bedarf gerade Wanzecks Motivationsanalyse von
in Ortsnamen verwendeten Farbbezeichnungen einer
minutioesen sprachhistorischen Betrachtung, da diese 'haeufig
Relikte archaischer Sprachzustaende' (Seebold 1995: 606)
enthalten. Weitere der Namenforschung zuzurechnende
Untersuchungsgegenstaende sind Klassennamen (Bsp.: 'roter
Hund' ^Ö Krankheitsbezeichnung), Tiernamen (Bsp.:
'Gruenspecht') und Pflanzennamen (Bsp.: 'gruener Salat').

Bewertung des Buches:
Wie bereits zu Beginn meiner Buchbesprechung
vorweggenommen, halte ich Wanzecks Buch zu syntagmatischen
Verbindungen mit den Woertern fuer die vier Primaerfarben Rot,
Gelb, Gruen und Blau fuer ein bzgl. Form, Inhalt, Umfang und
vor allem bzgl. des Anspruchs auf Wissenschaftlichkeit bislang
beispielloses Standardwerk, an dem sich alle zukuenftigen
Beitraege anderer Autoren zum Thema Farbwortverbindungen
und deren Etymologie messen lassen muessen. Was der Autorin
hoch anzurechnen ist, ist einerseits die wissenschaftliche Sprache
und Argumentation, derer sie sich von der ersten bis zur letzten
der insgesamt 428 Seiten ihres Buches bedient, andererseits dass
sie dabei trotz allem eine den Leser fesselnde Atmosphaere
schafft, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen
moechte; zu mannigfaltig sind die etymologisch bedingten
Anekdoten und Episoden, die Wanzeck zur Klaerung fuer die
Motivation zur Verwendung von Farbwortverbindungen
erschliesst. Wanzeck weist nahezu zweifelssfrei nach, wann und
in welcher Quelle sich der jeweilige Farbphraseologimus erstmals
belegen laesst und welche oftmals uebertragene Bedeutung sich
aus dem jeweiligen Belegkontext ergibt. Dabei macht sie sich
sowohl kulturgeschichtliche als auch sprachliche Angaben zu
Nutze, um die Herkunft von bislang sogar fuer unergruendlich
geltenden Farbwortverbindungen eindeutig und nachhaltig zu
beweisen. Hervorheben moechte ich an dieser Stelle noch das
umfangreiche Literaturverzeichnis (S. 368-415), das fuer sich
allein genommen bereits den Kauf des Buches rechtfertigt, da es
eine exemplarische Bibliographie rund um das Thema
Farbwoerter bzw. Farbwortverbindungen und deren Etymologie
darstellt, und dies sogar ueber den deutschen Sprachraum
hinaus. Das 'Tuepfelchen auf dem i' ist m.E. das nach
(Frab-)Phraseologismen unterteilte Wortregister (S. 419-428) im
Anhang, dessen aeusserst uebersichtliche alphabetische
Anordnung und nochmalige Unterteilung nach Einzelsprachen
(dt., engl., frz., ndl., sp.) hervorragend als Nachschlagewerk fuer
Farbwortverbindungen dient. 'Da neben der linguistischen
Analyse kulturgeschichtliche Zusammenhaenge miteinbezogen
(sic!) werden, ist dieses Buch nicht nur fuer die
Sprachwissenschaft, sondern auch fuer die Literaturwissenschaft,
Volkskunde, Kunst- und Rechtsgeschichte' (Rodopi 2002) ein
wertvoller und m.E. ueberfaelliger Beitrag. Bleibt zu hoffen, dass
der relativ hohe Preis von 90 Euro bzw. 107 US Dollar nicht von
der Anschaffung dieses neue Massstaebe setzenden
Standardwerks abschreckt ^Ö es ist eine m.E. absolut lohnende
Investition und verdient eine grosse Leserschaft!

Bibliographie

Mielke, Robert (1930). Das Rote Meer. Ein Beitrag zur Geschichte
einer Volksanschauung. In: ZV, NF II/49, 182-188.

Nopitsch, Christian C. (1801). Wegweiser fuer Fremde in
Nuernberg, oder topographische Beschreibung der Reichsstadt
Nuernberg nach ihren Plaetzen, Maerkten. Nuerberg.

Seebold, Elmar (1995). Wortgeschichte/Etymologie der Namen. In:
Ernst Eichler et al. (Hgg.) Namenforschung. Ein internationales
Handbuch zur Onomastik. De Gruyter: Berlin/New York (HSK
11.1.), 602-610.

Webliographie:


<http://www.rodopi.nl/frameset/nt/rightside.asp?BookId=AMPU+149&type=new
> www.rodopi.nl/frameset/nt/rightside.asp?BookId=AMPU+149&type=new

Empfehlung des Rezensenten als Einstieg zum Thema
Farbwoerter:

Quinion, Michael (?). The Colour of Words. The fugitive names of
hues. at: <http://www.quinion.com/words/articles/colour/htm>
http://www.quinion.com/words/articles/colour/htm




 
ABOUT THE REVIEWER:
Bio: Guido Oebel (Dr. phil in dt.-engl. Komparatistik) ist deutscher Muttersprachler und unterrichtet seit drei Jahren Deutsch als Fremdsprache (DaF) und Fremdsprachendidaktik an Universitaeten in Westjapan. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zaehlen DaF, Bilingualismus, Drittspracherwerb, Erwachsenenbildung, Soziolinguistik und autonomes Lernen, insbesondere 'Lernen durch Lehren' (LdL). Sein naechstes Projekt ist das Habilitationsverfahren im Bereich DaF bei LdL-'Erfinder' und Didaktikprofessor Dr. Jean-Pol Martin an der Katholischen Universitaet Eichstaett-Ingolstadt in Deutschland.

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